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“Wieso wollen Sie wissen, was ich eingekauft habe?” – Eine Fotosession in der Migros

“Tja Frau Sutter*, wir vom DDVGFSF (Departement des Versicherungsgeheimdienstes für schwierige Fälle) verfolgen Sie nun schon einige Zeit. Bereits heute morgen an der Tankstelle sind Sie uns mit Ihrem seltsamen Tankverfahren aufgefallen. Da wir davon ausgehen, dass sie auf Grund ihres Autos nicht im Geld schwimmen, kam uns das Tanken mit “Bleifrei 98″ schon etwas seltsam vor. Anschliessend haben wir Sie bei Ihrer Weiterfahrt verfolgt. Vielleicht ist Ihnen der schwarze BMW im Rückspiegel aufgefallen?
Und nun hat uns Ihr Weg in den Supermarkt geführt. Und wir beabsichtigen nun Ihren Einkauf zu fotografieren, um unserem Departement Ihren Versicherungsbetrug mitzuteilen. Genau, so ist es!”

Es ist heutzutage schon recht kompliziert mit der Kamera durch die Stadt zu gehen und nicht seltsam angeschaut zu werden. Viele Passanten vermuten in jedem Augenblick eine Verletzung ihrer Privatsphäre mit unglaublich bösen Absichten. Sie fühlen sich als Stars, welche man unbedingt auf einem Foto haben will. Doch eigentlich würde man am liebsten die durchstechenden Blicke von sich abschütteln.

Etwa drei Meter neben uns stand im Eingangsbereich eine ältere Dame. Wir waren gerade damit beschäftigt einen Einkaufswagen zu ergattern, während wir etwas mit den Kameras rumfuchtelten. Plötzlich kam die ältere Dame auf uns zu und fragte, was wir denn machen würden. Genau so kreativ wie unsere Tätigkeit waren die Antworten auf die Frage. Schliesslich musste sie fragen, ob wir ihren Einkauf ablichten. Natürlich haben wir die Frau bis zum Zeitpunkt, als sie zu uns kam noch gar nicht beachtet. Und was wäre so schlimm daran, wenn jemand einen Einkaufswagen sehen würde? Was war an der Situation anders, als wenn ich als Tourist mit der Kamera durch Paris laufe?

Natürlich haben Personen das Recht am eigenen Bild. Doch direkt davon auszugehen, dass mich ein Mensch mit Kamera fotografiert, ist ein wenig übertrieben. Auch nicht jeder Mensch mit Kamera versucht den Mitmenschen zu schaden.

Vielleicht fragt sich nun jemand, wieso man überhaupt in einen Supermarkt fotografieren geht. Die Frage ist einfach zu beantworten: Man kann einfach überall fotografieren. Nicht jeder durchschaut, dass es sogar dort interessante Situationen gibt. Und zumindest in der Migros gibt es nicht einmal ein Fotografieverbot. Das heutige Experiment in der Migros war auch eher eine provozierende Anspielung auf einen kürzlich erschienenen K-Tipp Artikel. Die Genossenschaft mit dem orangen M teilte dem K-Tipp mit: “Wir wollen wissen, wozu die Bilder gemacht werden. Wenn es sich um Handelsspionage handelt, unterbinden wir das Fotografieren.”
Da wir keine Handelsspionage betreibe und die Migros immer noch unser Lieblingsgeschäft ist, dürfen wir also getrost weiter fotografieren. Wir tun dies ja nicht oft und gestört hat es bestimmt auch niemanden. Ausser einigen seltsamen Blicken vom Personal ernteten wir nur positives Feedback, bei unserer zwanzig minütigen Aktion. Die Security hatten wir auch nicht am Hals. Ist ja nicht so, dass ich die noch nie am Hals hatte (zum Beispiel beim Fotografieren von Vögeln in einem Supermarkt in Frankreich).

Aber so ganz informiert sind die Mitarbeiter trotzdem nicht. Laut der Aussage von der Migros gegenüber dem K-Tipp sei das Personal dazu angehalten, die fotografierenden Kunden darauf anzusprechen. Diese Situation blieb jedoch aus.

*Name frei erfunden

K-Tipp | 31.10.2010
Migros: Fotografieren unerwünscht
Daniel Jaggi, Redaktor K-Tipp
Die Migros kontrolliert die Kunden, die in ihren Läden Produkte fotografieren.
Eine alltägliche Situation: K-Tipp-Leser Michael Heckscher steht in der Zürcher Migros-Filiale Brunau ratlos vor dem Gestell mit den Reinigungsmitteln. Weil er einen Fehlkauf verhindern will, fotografiert er einige Produkte mit seiner Handykamera und schickt die Bilder seiner Frau.
In der Folge wird Heckscher von einem Migros-Angestellten unmissverständlich aufgefordert, das Fotografieren zu unterlassen. Nun fragte sich Michael Heckscher: Was hat denn die Migros gegen Kunden, die einige Produkte fotografieren? Oder hat sie gar etwas zu verbergen?
Laut übereinstimmenden Aussagen der Migros-Genossenschaften gibt es kein eigentliches Fotografierverbot in Migros-Filialen. Nur: Das Personal sei in solchen Fällen trotzdem angehalten, den Kunden darauf anzusprechen.
Konkret heisst das, so die Migros: «Wir wollen wissen, wozu die Bilder gemacht werden.» Und: «Wenn es sich um Handelsspionage handelt, unterbinden wir das Fotografieren.»

About the Author

Julian StiefelJulian Stiefel ist Hauptautor und Gründer dieses Blogs. In seiner Freizeit beschäftigt sich Julian vor allem mit den Themen Fotografie und Journalismus. Viele Beiträge deuten auch auf ein grosses Interesse an Computern und Netzwerken hin. Der Ausgleich zum technisch orientierten Alltag findet Julian beim Biken und Autofahren.View all posts by Julian Stiefel →

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